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 Steinzeit
 

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Das Neolithikum in der Gegend um Jülich und Düren

   

Der fruchtbare Halbmond

Etwa um 9000 bis 8500 v. Chr. geschah im "Fruchtbaren Halbmond", dem niederschlagsreichen Gebiet nördlich der Syrischen Wüste etwas, das die Lebensweise der Menschen derart radikal veränderte wie kaum ein Ereignis in den Jahrmillionen zuvor.
Die Menschen wurden seßhaft und bestritten ihren Lebensunterhalt in einer produzierenden Wirtschaftsweise. Die Jagd und das Sammeln von Wildkräutern traten in den Hintergrund, die wichtigsten Nahrungsquellen wurden durch Ackerbau und Viehzucht erschlossen. 9000 v. Chr. wurden mit Emmer und Einkorn die ersten Getreidesorten angebaut, um 8000 v. Chr. wurden Schafe und Ziegen domestiziert, gegen 7000 v. Chr. töpferte man das erste Tongeschirr. Die Nachhaltigkeit der neuen Wirtschaftsweise bot in gewissem Umfang Unabhängigkeit von Klimaschwankungen und Veränderungen der Umwelt. Durch das Lagern von Vorräten war es nun möglich, für lange Zeiten an einem Ort zu leben. Die Siedlungen mit ihren Häusern boten nun für viele Generationen Wohnstatt. Vielleicht war das nun reichliche Angebot an kohlenhydratreicher Nahrung auch ein Grund dafür, daß sich die Bevölkerungszahl merklich vergrößerte. Tatsache ist: die neue Lebensweise setzte sich durch, und die Neolithiker besiedeln immer neue Gebiete. Das Niltal und innerasiatische Gebiete wurden besiedelt, über Kleinasien und Griechenland erreichte die neue Kultur schließlich Italien, Südfrankreich und den westlichen Donauraum.
An Orten, die günstige Bedingungen boten, wo Wasser vorhanden und die Bodenqualität gut war, da ließ man sich nieder. Manche Siedlungen der ersten Bauern erreichten erstaunliche Ausmaße. Çatal Hüyük, gelegen in der fruchtbaren Konya-Ebene in Ostanatolien, gilt als eine der ersten Städte der Welt. Auf dem mehrphasig besiedelten Areal haben gegen Ende des 8. Jahrtausends v. Chr schätzungsweise 2500 Bewohner gelebt. In den eng beieinander stehenden Häusern, gebaut aus Lehmziegeln, gab es Wandreliefs und farbige Wandmalereien. Eines dieser Bilder deutet man als die älteste kartographische Darstellung der Menschheitsgeschichte: man erkennt den "Stadtplan" der verschachtelt angeordneten Häuser; im Hintergrund erheben sich die Gipfel des Vulkans Hasan Dag.

Das Altneolithikum - Die ersten Siedler in Mitteleuropa und im Rheinland

Nachdem die neue Kultur in Ost- und Südeuropa Fuß gefaßt hatte, breitete sie sich im 6. Jahrtausend in Richtung Norden aus. Um 5700 v. Chr entstand in Nordwestungarn die Bandkeramische Kultur (LBK), benannt nach der charakteristischen linienbandförmigen Verzierung ihrer Tongefäße. Nach archäologischen Erhebungen hat die Linienbandkeramik ihren Ursprung im Karpatenbecken und ist vermutlich aus dem Kulturkomplex Starcevo-Körös-Cris entstanden, der ab 6000 Jahre v. Chr. nachweisbar ist. Innerhalb nur weniger Jahrzehnte war Südeuropa vom Balkan bis nach Südfrankreich mit einem Netz bandkeramischer Siedlungen überzogen. Westwärts entlang der Donau und Richtung Norden rhoneaufwärts erreicht gegen 5400 v Chr. die bäuerliche Kultur auch die fruchtbare Gegend um Maas und Rhein. Die älteste bekannte LBK-Siedlungsstelle im Rheinland wurde erst im Jahre 2004 in Uckendorf bei Niederkassel entdeckt. Die 2007 gegrabene Stelle bei Erftstadt-Gymnich birgt in ihrem Inventar auch einige Keramik- und Feuerstein-Artefakte, die aus der ältesten Bandkeramik stammen könnten.
Vielleicht noch etwas früher tauchten aus dem Westen noch andere Menschen auf, die bereits Keramik produzierten. Sie gehörten der La Hoguette - Gruppe an, benannt nach dem eponymen Fundort in der Normandie. Es handelt sich bei den La Hoguette-Leuten wohl um Mitglieder einer Hirtenkultur, die nomadisch lebten und keinen Ackerbau trieben. Ihre Wurzeln liegen vermutlich im westlichen Südeuropa, vielleicht sogar in Nordafrika. Über ihre Lebensgewohnheiten ist nicht viel bekannt, aber durch charakteristische Merkmale ihrer Keramik ist ihre Präsenz eindeutig nachweisbar. Sie verzierten ihre Gefäße nicht mit den LBK-typischen gewundenen Bändern, sondern mit plastisch hervorgehobenen wellenförmigen Wülsten, die häufig von Stichreihen begleitet sind. Derartige Keramik taucht in den bandkeramischen Siedlungen des Rheinlandes immer wieder auf.

Nach A. v. Gijn und L.L. Kooimans in: Nederland in de Prehistorie. Bart Bakker 2005

 

Migration oder Assimilation?

Lange Zeit war sich die Archäologie nicht sicher, ob die Neolithiker in großen Gruppen eingewandert sind und die Mesolithiker verdrängt haben, oder ob sich die wildbeuterisch lebende Urbevölkerung an die modernen Sitten angepaßt hatte. Belegt durch Funde endmesolithischer Silexgeräte, namentlich charakteristischer schiefflügliger Pfeilspitzen auf LBK-Siedlungsstellen, deutet alles auf eine Mischform hin. Migranten und Ureinwohner haben koexistiert. Das Beste aus beiden Gesellschaftsformen mündete in die gemeinsame Kultur. Prof. Jens Lüning, ein ausgewiesener Kenner des Altneolithikums, vergleicht die Vorgänge mit der heutigen Entwicklungshilfe.
Vielleicht hat der Einfluß der Mesolithiker sogar überwogen. Im Erbgut der heutigen Rheinländer sind Informationen der ersten Bauern jedenfalls kaum nachweisbar. Etwas anderes ist aber sicher: die Neolithiker haben ihr Nutzvieh mitgebracht. Schafe und Ziegen kamen in Mitteleuropa nicht als Wildform vor. DNS-Untersuchungen an Knochen neolithischer Rinder haben ergeben, daß es keine Übereinstimmung mit der DNS von heimischen Auerochsen gibt, also sind auch sie eingeführt. Bei den langen Wanderungen auf dem "Trail" der Bauern waren sie als Tragtiere auch unverzichtbar. Das Pferd war noch nicht domestiziert!
Nur unweit nördlich der Region um Jülich und Düren endet das Ausbreitungsgebiet der altneolithischen Kultur. Oberhalb des Lößgürtels haben Jäger und Sammler noch über tausend Jahre das Geschehen bestimmt.

 

Dechselklingen aus v.l. Wetzschiefer, Amphibolit und Basalt

Lebensalltag im Altneolithikum

Die damaligen Menschen lebten in festen Häusern, die selbst für unsere heutige Zeit enorme Abmessungen hatten. Grundrisse von 35 * 9 m² sind keine Seltenheit. Meist ist die Ausrichtung der Gebäude von NW nach SO, der Eingang wird wohl im Südosten gelegen haben. Entlang der längeren Außenwände gab es Gräben, die als Lehmentnahmegruben gedeutet werden. Mit dem Lehm wurden, ähnlich wie bei der Fachwerkbauweise, die Wände in einer Flechtwerkskonstruktion gebaut. Ein solches Haus hatte eine Standzeit von einer Menschengeneration, danach wurde in direkter Nachbarschaft neu gebaut. Die Substanz der Häuser ist natürlich längst vergangen. Als einziger Hinweis blieben dort wo einst die tragenden Pfosten der Gebäudekonstruktion standen, Bodenverfärbungen sichtbar. Anhand dieser Pfostenstellungen versucht die Archäologie eine Rekonstruktion der Häuser durchzuführen. Innerhalb der vier Wände wurde kein Vieh gehalten, wie Phosphatuntersuchungen des Bodens beweisen.
Die Weiler oder Einzelhöfe lagen meist in hochwassersicherer Lage in der Nähe von Fließgewässern. Das Wasser aus dem Bach wurde aber nur zur Viehtränke oder als Brauchwasser verwandt. Trinkwasser kam aus Brunnen. Der von Jürgen Weiner im Jahre 1990 in Erkelenz-Kückhoven ausgegrabene Brunnen zeugt von der hohen Zimmermannskunst der Bandkeramiker. Der gut 13 m tiefe Brunnen war vollständig in Eichenholz gefaßt und in aufwendiger Blockbauweise ausgeführt. Der Brunnenkasten wurde mehrfach erneuert. Von der Brunnensohle konnten bestens erhaltene Funde aus organischem Material, u.a. ein Holzspaten und ein Schöpfgefäß aus Birkenrinde geborgen werden. Dendrochronologische Untersuchungen des Brunnen datieren das Fälldatum der zum Bau verwendeten Eichen auf das Jahr 5090 v. Chr.
Wenn die Siedler einen passenden Platz für ihre neue Bleibe gefunden hatten, galt es zunächst die Stelle urbar zu machen. Das Rheinland war vollständig mit dichtem Wald bewachsen, freie Flächen gab es nicht. Rodungsarbeiten wurden mit quergeschäfteten Beilen, den sogenannten Dechseln durchgeführt, die ersten Beile mit parallel eingesetzten Klingen tauchen erst im Mittelneolithikum auf. Aus Gründen der Handhabbarkeit kann man mit quergeschäfteten Beilen Bäume nur auf Brusthöhe fällen, es werden also in den ersten Jahre etliche Baumstümpfe auf den Feldern gestanden sein. Wiesen gab es nicht, das Nutzvieh wurde auf der Waldweide mit dem Laub der Bäume versorgt. Vorräte wurden überwiegend im Haus gelagert, es gibt zahlreiche Funde von großen Keramikgefäßen, die teilweise durchlochte Hängeösen besitzen. Zur Langzeitlagerung von Getreide gab es hermetisch abgedichtete Lehmgruben.
Arbeitsmaterial und Hausinventar wie Steingeräte oder Keramik, wurden entweder im Tauschhandel beschafft oder selbst hergestellt. Bei der systematischen Untersuchung des Neolithikums auf der Aldenhovener Platte wurde festgestellt, daß Feuerstein-Rohmaterial, welches in guter Qualität im niederländischen Maasgebiet vorhanden war, nur an bestimmten zentralen Orten verarbeitet wurde. Von dort aus gingen die Feuersteinklingen dann an die Verbraucher in den umliegenden Weiler. Keramik wurde vermutlich vor Ort hergestellt.
Ihre Verstorbenen bestatteten die Bandkeramiker auf Friedhöfen, den sogenannten Gräberfeldern. Im Rheinland sind bis heute 3 Stellen bekannt. Das größte, mit 109 Bestattungen, wurde im Jahre 1969 von Margarete Dohrn-Ihmig in Niedermerz ausgegraben. Überwiegend waren Körpergräber üblich, es gab aber auch Brandbestattungen. Den Toten wurden häufig Gegenstände mit auf die Reise ins Jenseits gegeben. In Männergräbern sind das normalerweise Dechselklingen und Pfeilspitzen, in Frauengräbern überwiegt Keramik als Grabbeigabe.

 

Bandkeramische Siedlungen in der Region

Die Jülich - Dürener Gegend ist reich an Hinterlassenschaften des älteren Neolithikums. Da die Siedlungen oft über mehrere hundert Jahre bestanden, ist die Hinterlassenschaft an Zivilisationsmüll groß. Man darf davon ausgehen, daß die Hofstellen entlang der Bäche in einem Abstand von wenigen Kilometern gelegen haben und auch eine nennenswerte Anzahl im Hinterland vorhanden war. Erosionsbedingt treten manche Stellen offen zu Tagen. Aus dem gleichen Grund sind andere von hangabwärts geförderten Kolluvien überdeckt und werden erst bei Baumaßnahmen entdeckt, wie die Siedlung bei Merzenich im Jahre 2008.
Eine der am längsten bekannten bandkeramischen Fundstellen der Region liegt zwischen Stockheim und den Dürener Ford-Werken.

 

verzierte Keramik der jüngeren LBK

LBK - typische Steingeräte und Keramik

Die Bandkeramik war eine "Klingenindustrie". Aus Feuerstein wurden Klingenkerne, und aus diesen wiederum Klingen hergestellt. Also besteht der überwiegende Teil der Flintfunde auf einer LBK-Siedlungsstelle aus Klingenkernen, deren Resten (häufig zu Klopfsteinen weitergenutzt), aus Klingen und deren Bruchstücken, sowie aus weiterverarbeiteten Klingen (Klingenkratzer, Erntemessereinsätze, Pfeilspitzen). Häufigstes Rohmaterial ist der Feuerstein aus Rijckholt, es wurden aber auch Schotterflint und hellgrau-belgischer Flint verwendet.
Geschliffene Beilklingen aus Feuerstein waren in bandkeramischer Zeit noch unbekannt, sie tauchen erst gegen Ende des Mittelneolithikums auf. Das Holzbearbeitungsinstrument des Altneolithikums war die Dechsel, das quergeschäftete Beil. Bevorzuges Material für die Dechselklingen war Amphibolit, ein grünlicher, zäher Hornblendeschiefer, der aus dem nordböhmischen Isergebirge eingeführt wurde. Lokale Ersatzmaterialien waren auch Basalt und Wetzschiefer, selten kommt Phtanit d'Ottignies, ein schwarzer Kieselschiefer aus Westbelgien vor.
Die auf den bandkeramischen Plätzen häufigen Mahlsteine bestehen in der Region überwiegend aus Eschweiler Kohlensandstein (EKS). Es handelt sich dabei um einen stark quarzitischen Sandstein, in dem dunkle Steinkohlepartikel eingebunden sind. Das Gestein steht bei Stolberg an, man wird die schweren Brocken wohl per Einbaum über Flüsse und Bäche bis in Siedlungsnähe transportiert haben.
LBK ist benannt nach den wellenförmigen Bandverzierungen, mit denen ein Teil der Keramik dekoriert war. Waren die Muster der älteren Bandkeramik noch relativ einfach, so werden die Bänder, Bandfüllungen und Randverzierungen im Laufe der Zeit komplexer. Von kundigen Menschen kann das Alter der Keramik anhand der Verzierungsmerkmale bestimmt werden.
Der überwiegende Teil der Keramik, die man auf LBK-Stellen findet, ist unverzierte und grobe Ware. Das Fundverhältnis von verzierter zu unverzierter Keramik liegt nach meiner Erfahrung etwa bei 1:25. In feuchtem Zustand hat sie eine dunkelgraue bis schwarze Farbe und ist sehr weich, man kann sie leicht mit dem Fingernagel ritzen. Nach Trocknung bekommt sie eine hellbraune Farbe.

 

Das Ende der Bandkeramik

Kurz nach 5000 v. Chr. ging es mit der bandkeramischen Kultur schlagartig zu Ende. Die verstreut liegenden Einzelhöfe wurden verlassen, man wohnte lieber enger beisammen. Um manche Weiler wurden Grabenanlagen mit Palisadenbewehrung gezogen. Das Leben schien gefährlich geworden zu sein. In Talheim bei Heilbronn wurde ein Massengrab aus spätbandkeramischer Zeit gefunden, das die Überreste von 34 Menschen barg, die auf gewaltsame Weise ums Leben gekommen sind. Viele der Schädel tragen Spuren, wie sie nur durch Hiebverletzungen mit Dechseln entstehen können. Es könnte sich also um eine Auseinandersetzung zwischen Bandkeramikern gehandelt haben. Wurde um 5000 v. Chr. der Krieg erfunden?
Warum sich ein gut funktionierendes, wenn auch lose geflochtenes, kulturelles Netzwerk, das sich über die fruchtbaren Lößflächen vom Pariser Becken bis in die Ukraine spannte, plötzlich auflöste, man kann heute nur darüber spekulieren. Tatsächlich wurde das Klima trockener, somit werden wohl auch die Ressourcen knapper geworden sein. Konfliktstoff war also vorhanden.

durchbohrter Rössener Setzkeil

Das Mittelneolithikum

Im Rheinland fing das Mittelneolithikum etwa 4900 v. Chr. an und endete gegen 4300 v. Chr.
Um 4900 v. Chr. hatte es im Rheinland einen eklatanten Bevölkerungsrückgang gegeben, die bandkeramischen Siedlungen waren aufgegeben und wüstgefallen. Zu dieser Zeit hatten sich südlich des Rheinlandes schon neue Kulturkreise gebildet. Dort lebten Menschen, die der Hinkelstein- und der Großgartacher Gruppe angehörten. Hinkelstein ist nach einem Menhir benannt, der ehemals auf dem Fundplatz bei Monsheim im Kreis Alzey stand. Am namengebenden Platz Großgartach bei Heilbronn wurde eine mittelneolithische Siedlung ausgegraben.
Zeugnisse dieser Kulturen des frühen Mittelneolithikums sind im Rheinland Mangelware. Bei Jüchen ist im Vorfeld des Tagebaus Garzweiler die Fundstelle FR 2007/3 entdeckt worden. Sie brachte spätes Großgartach zu Tage. Die Fundstelle Hambach 260, bei Jülich-Welldorf gelegen, beinhaltete ebenfalls spätes Großgartach. .
Nach heutigem Kenntnisstand kann man davon ausgehen, daß die Gegend um Jülich und Düren damals für 150 Jahre nicht besiedelt war. Als dann zögerlich wieder die ersten Hofstellen entstanden, mied man konsequent die vorher von den Bankeramikern bewohnten Plätze. Offensichtlich bestand also keine wie auch immer geartete Verbindung mit der alten Kultur.

Mittelneolithische Keramik

Auf die Großgartacher folgte gegen 4750 v.Chr. die Rössener Kultur. Schon auf den oben angeführten Fundstellen HaA 260 und FR 2007/3 sind Planig-Fredberger bzw. frührössener Inventare präsent. Innerhalb des Mittelneolithikums sind die Übergänge also fließend.
Beeindruckte schon die Größe der bandkeramischen Häuser, so sind die Dimensionen der Rössener Häuser noch größer. Die trapezförmigen Grundrisse waren häufig länger als 50m. Innerhalb der Gebäude gab es Trennwände, man wird vielleicht mit mehreren Familien unter einem Dach gelebt haben. Wie in der LBK, so wurden die mittelneolithischen Häuser auch nur für jeweils eine Generation bewohnt. Die Siedlungen bestanden oft nicht länger als 100 Jahre, dann zog man einige km weiter und gründete dort neu.
Auf Rössen folgte im Rheinland um 4600 v. Chr. die Bischheimer Kultur. Das Siedlungsverhalten hatte sich wiederum geändert. Statt in Weilern lebte man vorzugsweise in Einzelgehöften. Landwirtschaft erbrachte nach wie vor die hauptsächlichen Nahrungsmittel. Neben den Getreidesorten Einkorn und Emmer, die bereits im Altneolithikum angebaut wurden, kamen jetzt auch Nacktweizenarten hinzu. Gegen 4300 v. Chr. endet das mittlere Neolithikum im Rheinland.

 

Mittelneolithische Keramik und Steingeräte

Wie weiter oben bereits geschildert, hatten sich mit dem Ende der Bandkeramik die weitläufigen Beziehungssysteme aufgelöst. Das ist auch am Gesteinsinventar mittelneolithischer Siedlungsplätze erkennbar. Dechselklingen aus Amphibolit sind selten geworden und auch der in LBK-Zusammenhängen überwiegende Rijckholt-Feuerstein kommt nicht mehr häufig vor. Nun werden vorzugsweise lokal vorkommender Schotterflint und der gelbbraune Rullen-Feuerstein verarbeitet.
Sicheleinsätze sind seltener und auch Pfeilspitzen tauchen weniger häufig auf, es gibt querschneidende Pfeilspitzen. Mit Planig-Friedberg und Rössen tauchen die ersten geschliffenen Feuerstein-Beilklingen auf.
Die Dechselklingen aus Felsgestein sind für die Holzbearbeitung weiterhin unentbehrlich. Sie bestehen nun aus Basalt oder Wetzschiefer. Ein "Leitartefakt" des mittleren Neolithikums ist der durchbohrte Breitkeil, vermutlich verwandt als Setzkeil zum Spalten von Holzstämmen. Diese Geräte sind oft aus Hornblendeschiefern, aber auch aus Basalt oder Plutoniten gefertigt. Mahlsteine sind seltener als in der Bandkeramik, bestehen weiterhin überwiegend aus EKS, es finden sich aber auch Exemplare aus Buntsandstein, der bei Nideggen an der Rur vorkommt. Das Vorkommen von Silexvarietäten wie Rullen oder Obourg und Felsgesteinen wie Phtanit d'Ottignies deuten auf Beziehungen zur zeitgleich in Belgien beheimateten Groupe de Blicquy an. In einigen mittelneolithischen Siedlungen der Region wurde auch entsprechende Keramik gefunden.
Die Keramik des Mittelneolithikums zeichnet sich durch großflächige Dekorationen mit Stichverzierungen aus. Wie in der Bandkeramik gibt es Kugeltöpfe und -becher, für Großgartach sind Knickwandgefäße typisch.

 

Abschlagkratzer, Spitzklinge und Beil der Michelsberger Kultur

Jungeneolithikum - Michelsberger Kultur

Mit der Michelsberger Kultur (eponymer Fundplatz am Michaelsberg bei Untergrombach) beginnt 4300 v. Chr. im Rheinland das Jungneolithikum. Bei Jülich-Koslar wurde in den 1970er Jahren eine Siedlungsstelle aus der ältest-michelsberger Zeit MK I ausgegraben. Im Fundinventar tauchen auch noch Bischheimer Relikte auf. Obwohl man in der Region häufig Steinartefakte findet, die der Michelsberger Kultur zugeordnet werden können, ist Koslar 10 die einzige nachgewiesene MK-Siedlung. Bei Jüchen im Kreis Neuss wurde erst im Jahr 2004 der erste MK-Hausgrundriß entdeckt.
Charakteristisch für die Michelsberger Kultur ist der Bau großer Erdwerke. Sie liegen oft Hochlagen am Rand zur Ebene. Für Mk nachgewiesen sind Koslar, Inden und Steinstraß, das nicht gegrabene, mit über 800m Durchmesser größte Erdwerk des Rheinlandes bei Jülich, wird vorläufig auch in die Zeit gesetzt, könnte aber auch jünger sein.
Über die Begräbnissitten der Kultur ist wenig bekannt, Gräber sind im Rheinland bis jetzt keine gefunden worden.
Um die Mitte des 4. Jahrtausends beginnt die Blüte des Feuersteinbergbaus im Gebiet der südlimburgischen Maas. In der dort anstehenden Maastricher Kreide steht Feuerstein in guter Qualität an. Das Material wurde zwar auch schon in früheren Zeiten intensiv genutzt, Flint aus Rijckholt war ja das bevorzugte Rohmaterial in der Bandkeramik. Untertägiger Bergbau wurde aber vermutlich erst im Jungneolithikum betrieben. Nachgewiesen sind Gruben bei Rijckholt-St.Gertruid, Valkenburg und im belgischen Spiennes. In Deutschland bestand ein Feuersteinbergwerk auf dem Lousberg in Aachen. Hier wurde im Tagebau gearbeitet. Von 3800 bis 3000 v. Chr.wurde die gesamte feuersteinführende Kreideschicht bis auf die liegenden Sandschichten abgebaut. Während der von J. Weiner geleiteten Grabung 1978 bis 1980 konnte u.a. das Atelier eines Steinschlägers freigelegt werden. Hier wurden aus den Feuersteinfladen und -platten die Vorarbeiten für Beilklingen hergestellt. Diese Halbfabrikate gelangten dann in die Siedlungen und wurden dort vom Endverbraucher zu geschliffenen Beilklingen veredelt.

Steingeräte und Keramik der Michelsberger Kultur

Typisch für die Mk sind große geschliffene Feuersteinbeilklingen mit ovalem Querschnitt. Überhaupt sind die Feuersteinartefakte größer als in den vorhergegangenen Kulturen. Messerartige Spitzklingen und große Abschlagkratzer mit steil retuschierter runder Kratzerkappe gehören auch in jedes Michelsberger Inventar. Die häufigste Feuersteinsorte ist Rijckholt-Flint. Von Verbindungen in des südwestlichen Raum künden Geräte, die aus dem Silex von Romigny-Lhéry hergestellt sind. Das Vorkommen dieses Feuersteins liegt bei Reims in der französischen Champagne. Ein weiteres Zeugnis von den weitreichenden Handelsbeziehungen zu der Zeit legen die sogenannten Prunkbeile aus Jadeitit ab. Das sind oft große, sehr sorgfältig bearbeitete und polierte Beile, deren Schneide häufig intentionell entschärft wurde. Es handelt sich bei diesen Beilen also nicht um Arbeitsgeräte, sondern wahrscheinlich um Zeremoniengeräte oder Votivgaben. Die Abbaustelle für das Ausgangsmaterial ist im Jahr 2004 von Pierre und Anne-Marie Pétrequin am Mote Viso in den italienischen Alpen entdeckt worden. Der Abbau dort ging über eine Zeitspanne von 5200 bis 4000 v. Chr. Die wertvollen Prunkbeile sind also über viele Generationen weitergegeben und vererbt worden. Aus Felsgestein hergestellte gepickte und geschliffene Beilklingen mit ovalem Querschnitt kommen auf den hiesigen Fundstellen auch vor. Mahlsteine sind eher selten, durchbohrte Felsgesteingeräte sind mir in MK-Zusammenhang nicht bekannt. Zum Ende des Jungneolithikums tauchen die ersten Beilklingen aus gediegenem Kupfer auf. Ihre Form ist stark an die der Feuersteinbeilklingen angelehnt. Entsprechend Funde in der Region gibt es noch keine.
Im Gegensatz zur Keramik des Mittelneolithikums verzichtet man in der Michelsberger Kultur weitgehend auf Verzierungen. Die Keramik ist von guter Qualität mit einer durch Politur im noch feuchten Zustand verdichteten Oberfläche. So ergibt sich bei gut erhaltener Substanz ein braunes, lederartiges Aussehen. Charakteristisch sind spitzbodige Tulpenbecher und runde Keramikplatten, sogenannte Backteller.

 

Spätneolithische Beilklingen aus Lousberg-Feuerstein

Spät- und Endneolithikum zwischen Jülich und Düren

Das um 3500 v. Chr. beginnende Spätneolithikum ist im Rheinland wissenschaftlich schlecht erfaßt. Mangels sicher datierbarer Ausgrabungsfunde herrscht so etwas wie eine Wissenslücke über diese Zeit.
Das Rheinland und auch die Gegend um Jülich waren aber nicht unbewohnt. D. Schyle hat die Befunde der Lousberg-Grabung noch einmal aufgearbeitet und datiert die organischen Stoffe von dort mit Hilfe modernster 14C Analyse auf eine Zeit zwischen 3320 und 3110 calBC. Fundstücke, in der Regel Beilklingen, aus Lousberg-Feuerstein sind in der Region wahrlich keine Seltenheit. Zieht man neben der Dauer des Bergbaus zusätzlich noch formenkundliche Gesichtspunkte bei der Altersbestimmungen in Betracht, so wird ein Großteil der Lousberg-Beile aus dem Spätneolithikum stammen. Eine Untersuchung von N. Kegler-Graiewski zeigt an Funden aus Nordhessen, daß Beilklingen mit schwacher lateraler Konvergenz jünger sind, als solche mit einer starken. Also sind spitznackige Beile älter als rechteckförmige. Viele der in der Region gefundenen Lousberg-Beile haben einen fast rechteckigen Umriß.
Als Einzelfunde tauchen auch ab und zu Pfeilspitzen auf, die man der Wartberg- oder der Vlaardingen-Kultur zuordnen könnte. Datierbare Keramik aus spätneolithischer Zeit wird nur selten gefunden. Für den Sammler ist sie auch nicht einfach zu finden und zu bestimmen, da es sich oft um unverzierte, grob gemagerte Ware handelt, die als einzelne Scherbe kaum auffällt.

v.l. Michelsberg-, Wartberg-, Vlaardingen- und endneolithische Pfeilspitzen

Ähnlich schlecht ist die Befundlage im Endneolithikum, das gegen 2800 v. Chr. beginnt. Die becherzeitlichen Bewohner der Region trieben kaum noch Ackerbau, sie lebten als Hirten und Viehzüchter. Bodenkundliche Untersuchungen beweisen, daß große Teile der Bewaldung durch Brandrodung niedergelegt wurden. Die Landschaft wird einen parkartigen Charakter gehabt haben, in der wenig seßhafte Menschen ihre Werden weideten. Vereinzelt kann man geflügelte und gestielte Pfeilspitzen finden, die in das Endneolithikum datiert werden.
Großsteingräber oder endneolithische Prunkäxte, wie sie in Norddeutschland in becherzeitlichem Zusammenhang verbreitet sind, gibt es in der Region nicht.

Um 2200 v. Chr. endete im Rheinland die Steinzeit und es begann eine neue Epoche. Langsam wurde der Werkzeug-Grundstoff Stein vom Metall verdrängt und Geräte aus Kupfer und Bronze begannen ihren Siegeszug. Steingeräte wurden aber auch weiterhin benutzt. Feuerstein-Pfeilspitzen waren noch bis tief in die Metallzeiten gebräuchlich. Feuer wurde auch weiterhin mit Feuerschlagsteinen entfacht und auch das gute alte Steinbeil tat noch lange seinen Dienst.

Auf unserer gedanklichen Raum-Zeitreise von München nach Köln oder von der Menschwerdung in die Jetztzeit haben wir bis zum Ende der Steinzeit schon 99,84% zurückgelegt. Die Menschen haben also eigentlich immer in der Steinzeit gelebt! Dem Früh haben wir uns auf einen Kilometer genähert. Den kümmerlichen Rest legen wir per pedes zurück...

   
   
   
   
 

 

 

 
     

 

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